Zu den Ereignissen des vergangenen Wochenendes: Rechter Schlägertrupp zieht stundenlang ungehindert durch die Siegener Innenstadt

Der folgende Artikel stützt sich auf zum Teil einander widersprechende Aussagen und Informationen. Recherche Siegen ist auf die Mithilfe von AugenzeugInnen angewiesen, weshalb wir weiterhin darum bitten, uns Informationen und Berichte zum vergangenen Wochenende zukommen zu lassen.

„Wir wollten den Laden doch nur sauber halten.“

Am vergangenen frühen Samstagabend kehrte die etwa 10-köpfige Gruppe, die sich aus bekannten Siegerländer und Wetzlarer Neonazis zusammensetzte, zunächst im „Shamrock“, in unmittelbarer Nähe des Siegener Hauptbahnhofs, ein. Die Gruppe fiel schnell durch Pöbeleien und volksverhetzende Parolen auf. Jedoch schien weder dies noch die augenscheinliche Zugehörigkeit der Gruppe zur rechtsextremen Szene die Türsteher dazu zu bewegen, sie des Lokals zu verweisen. Das Nachsehen hatten die Gäste, die von den Neonazis dem „linken“ oder zumindest „antirassistischen“ Spektrum zugeordnet wurden. – So kam es laut AugenzeugInnen „völlig ohne Vorwarnung“ zu brutalen Angriffen auf andere Gäste. Ebenfalls liegen Berichte vor, nach denen Gäste, die antinazistische Symbole trugen, auf der Toilette durch Mitglieder der Neonazi-Gruppe gewalttätig angegriffen wurden. Die wild um sich schlagende Neonazi-Gruppe konnte schließlich von den Türstehern des „Shamrocks“, welche glücklicherweise tatkräftig von denen umliegender Kneipen und Clubs unterstützt wurden, vor die Tür gesetzt werden. Dies geschah wohl zum Teil zum Unverständnis der Neonazis, so habe man den Laden „doch nur sauber halten“ wollen.

Vor dem Lokal wurden – nachdem auch hier noch vorbeikommende Jugendliche von Teilen der Nazigruppe körperlich angegangen wurden – durch die gerufenen Polizeikräfte die Personalien der Täter sowie Anzeigen gegen sie aufgenommen. Weshalb sich die Neonazi-Gruppe, zu der nicht nur stadt- sondern auch polizeibekannte Gewalttäter gehörten, dann jedoch relativ ungehindert Richtung Cinestar entfernen durfte, bleibt weitestgehend unverständlich.
So konnten von Augenzeugen die bekannten Siegener Neonazis Michael (im Bild links) und Kai André Schulz (oberes Foto) ausgemacht werden, die in der Vergangenheit stets eng in die Strukturen der „Freien Nationalisten Siegerland“(FNSI) eingebunden waren. In den letzten Wochen und Monaten waren die beiden Brüder immer wieder durch die Beteiligung an körperlichen Übergriffen aufgefallen, welche im Hinblick auf Gewaltbereitschaft als herausstechend bezeichnet werden können. Ebenfalls gibt es Hinweise, dass Marcel Keiner (Foto rechts), einer der aktivsten Neonazis aus dem Wetzlarer Raum, an den Übergriffen des vergangenen Wochenendes beteiligt war. Besagter Keiner war aller Wahrscheinlichkeit nach Anfang 2010 an dem versuchten Brandanschlag auf das Haus eines Mitgliedes des „Wetzlarer Bündnisses gegen Nazis“ und dessen Familie beteiligt gewesen.

Wäre die Neonazi-Gruppe, gegen die nach unseren Informationen zu diesem Zeitpunkt bereits Anzeigen wegen leichter und schwerer Körperverletzung vorlagen, von der Siegener Polizei aufgehalten worden, hätte unzweifelhaft Schlimmeres verhindert werden können!

Brutaler Angriff auf der Siegplatte
Denn nur wenig später provozierte die etwa 10-köpfige Schlägertruppe einen weiteren Streit. In dessen Verlauf wurden zwei junge Männer gewaltsam zusammengeschlagen und -getreten.
Entgegen der Darstellung der „Siegener Zeitung“ handelte es sich bei den Betroffenen keineswegs um Gäste des „Shamrocks“, welche die Konfrontation mit den Neonazis gesucht hätten, sondern um zufällig vorbeikommende Passanten, welche von der Gruppe grundlos angegriffen wurden. Beide Betroffenen mussten medizinisch behandelt werden – einer der beiden wegen Knochenbrüchen mehrtägig stationär.

Der weitere Verlauf des Abends…

ist weitestgehend unklar. Nach dem Angriff auf der Siegplatte zog sich die Gruppe vermutlich in eine Kneipe an der Koblenzer Str. zurück. Wenige Stunden später kam es erneut zum Polizeieinsatz. Die Neonazi-Gruppe hatte vor der Kneipe „Heaven“ randaliert, die noch vor eineinhalb Jahren als die Stammkneipe der Siegener Naziszene galt und in welcher regelmäßig NPD-Stammtische abgehalten wurden.

Es bleiben die Fragen: Warum werden Neonazis nicht spätestens nach der ersten menschenverachtenden Parole vor die Tür gesetzt? Warum kann ein brauner Schlägertrupp stundenlang ungehindert durch die überschaubare Siegener Innenstadt marodieren, obwohl die Polizei bereits am Anfang des Abends alarmiert war?

Ausführlichere Informationen zu der mittelhessischen Neonazis-Szene lassen sich auf der Seite von Recherche Mittelhessen finden.