„Sozialprognose positiv“ – Prozess gegen Alexander Stangier

Am vergangenen Freitag (06.07.12) wurde Alexander Stangier als Betreiber des rechtsradikalen „Wieland-Versands“ wegen Handel mit Tonträgern mit volksverhetzenden und gewaltverherrlichenden Inhalten vor dem Siegener Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 4500 Euro verurteilt.

A Stangier
Alexander Stangier

Nachdem eine Privatperson die Staatsanwaltschaft auf die Produktpalette des „Wieland-Versands“ aufmerksam gemacht hatte, wurden im September 2010 bei einer Hausdurchsuchung bei Stangier CDs, Bücher und DVDs mit genannten Inhalten und die Geschäftsunterlagen beschlagnahmt. Unter den Artikeln, die Stangier über den „Wieland-Versand“ und das neonazistische Internetforum „Thiazi“ vertrieben hat, befand sich auch eine CD, die die rassistische Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU)“ glorifizierte.

Gegen die Betreiber der Internetplattform „Thiazi“, auf der außer Stangier diverse Siegener Neonazis aktiv waren, laufen seit Mitte Juni Ermittlungsarbeiten aufgrund des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Zur einer Vernehmung der Zeugen, zu der unter anderem die Person angereist war, die die Staatsanwaltschaft 2010 auf die Produkte des „Wieland-Versands“ aufmerksam gemacht hatte, kam es im Prozessverlauf nicht. Stangier, vertreten durch den Rechtsanwalt Sven Tamoschus aus Dessau, bekannte sich zu den Anklagepunkten schuldig, weshalb die Zeugenvernehmungen nicht mehr erforderlich waren.

Zwar wurde im Prozessverlauf das einschlägige Vorstrafenregister des Angeklagten verlesen, zu Nachfragen zu Stangiers Weltbild, seiner langjährigen Verankerung in der Siegener Neonaziszene, seiner Rolle bei den „FNSI“, deren Internetpräsenz über Stangiers Namen angemeldet ist, und seiner Kandidatur für die NPD bei den Kommunalwahlen 2009 kam es jedoch nicht.
Auch wurde nicht thematisiert, dass in Stangiers Transportunternehmen, dessen Dienste diverse Unternehmen aus dem Raum Siegen in Anspruch nehmen, auch die Siegener Neonazis Sascha Maurer und Sebastian „Sebba“ Diehl beschäftigt sind.
Aufgrund mangelnder Nachfragen von Richter, Schöffen und Staatsanwältin kam Stangier so auch nicht in die Verlegenheit, sich von seinem neonazistischem Weltbild und der Szene zu distanzieren.

Stattdessen wurde ihm offenbar mit Bezug auf seine selbständige Tätigkeit als Transportunternehmer, sein Geständnis und die Tatsache, dass er neben seinen Aktivitäten in der Neonaziszene inzwischen auch ein beschauliches Familienleben mit Ehefrau und Tochter führt, eine positive Sozialprognose attestiert. Zudem begründete das Gericht das milde Urteil auch mit dem Zeitraum von fast zwei Jahren, der zwischen Tat und Prozess lag.
Auch seine „Kameraden“ hatte Stangier offenbar gebeten, dem Prozess fernzubleiben, um vor Gericht als Selbstständiger und Familienvater glänzen zu können.

So wurde Stangier statt zu der von der Staatsanwaltschaft geforderten einjährigen Haftstrafe auf Bewährung lediglich zu 4500 Euro Geldstrafe verurteilt. Ob jemand, der seit Jahren fest in die rechtsradikale Szene integriert ist, sich dadurch von seinen Umtrieben und seiner Ideologie abbringen lässt, bleibt zu bezweifeln. Auch von einem eindeutigen Signal an die (Siegener) Neonaziszene kann mit diesem milden Urteil nicht die Rede sein.

Es stellt sich noch die Frage, ob der VfB Wilden, in dessen 1. Mannschaft Stangier seit 2009 Fußball spielt, die Verurteilung als Grund nimmt, sich endlich von diesem zu trennen, oder ob für den Verein die sportlichen Fähigkeiten weiterhin relevanter sind als die Zugehörigkeit und Aktivitäten in der der extrem rechten Szene. Bislang machte es nicht den Eindruck als wolle sich der VfB Wilden von Stangier distanzieren. So wurde dieser zwar nach den Vorkommnissen um die Kommunalwahlen 2009 und die Hausdurchsuchung 2010 vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Wie den Spielberichten zu entnehmen ist, steht Alexander Stangier aber längst wieder für den VfB Wilden auf dem Platz.